Mit dem Elektroauto nach Italien

Der Jahresurlaub steht an und es soll nach Italien in die Toskana gehen – und zwar mit dem Elektroauto. Ich bin kein Freund der großen Vorabplanung und Routenerstellung, jedoch will ich nicht gänzlich unvorbereitet nach Italien reisen. Hierzu bedarf es nämlich als Minimum einen Zugang zu den meisten Ladesäulen in Italien. Diesen bietet eine App namens „x Recharge“ für Android und für Apple des Stromanbieters enel, da ein Großteil aller Ladesäulen ausschließlich über diesen Anbieter zugänglich sind.

Die enelX Odyssee

Die größte Hürde bei dem bevorstehenden Italien-Trip stellte die Registrierung in der App dar. Ich kann die Schritte, die ich vollzogen habe, gar nicht mehr im Einzelnen reproduzieren. Aber wir haben alles versucht. Zu zweit. Und ich habe als Software-Entwickler schon so einige schlecht umgesetzte Applikationen kennen lernen dürfen. Die enel X – App aber toppt in diesem Bereich alles. Entweder benötigen wir eine italienische Steuernummer (trotz Angabe des Herkunftslandes außerhalb Italiens), oder meine Telefonnummer darf nicht mehr als 10 Stellen haben inklusive Vorwahl oder die angekündigte Bestätigungs-SMS mit einem in der App einzugebenen Code kommt nicht an. Zu allem Überfluss hat man bei jeder Telefonnummer und jeder eMail Adresse, mit der man sich zu registrieren versucht, nur einen Versuch – danach sind beide Angaben verbrannt und es erscheint die Meldung, das die Telefonnummer resp. die eMail-Adresse bereits in Verwendung ist. Gerne stürzt die App auch mitten im Vorgang einfach ab. Die an mehreren Stellen angegebenen diversen 0800 Service-Telefonnummern sind nur aus Italien erreichbar, nicht aus dem Ausland.

Ohne Registrierung geht es also gen Süden. Ob der Zugang zu den Säulen klappt und ob ich mein Fahrzeug überhaupt irgendwie laden kann steht in den Sternen. Wir wählen für die Hintour die Route über den Gotthard durch die Schweiz da wir zunächst drei Tage am Comer See verbringen möchten.

Laden in der Schweiz

Das Laden an den Schnellladern an den Schweizer Autobahnen gestaltet sich problemlos. Der Ionity Lader vor dem Gotthard lädt unverschämt schnell, zu schnell für einen Toilettengang + Cappuchino. Zudem ist er freischaltbar mit der Maingau-Karte, genau wie alle anderen Säulen, die wir in der Schweiz benutzt haben.

Ionity Lader am Gotthard
Ionity Lader am Gotthard

Während des Ladens schweift mein Blick auf die Anzeigetafel der gegenüberliegenden Tankstelle. Der Liter Diesel kostet dort umgerechnet 1,76€. Für etwa den Betrag, den dieser eine Liter Diesel  kostet, befüllen wir gerade unseren „Tank“ mit 250km Reichweite.

Die erste italienische Säule

Die erste italienische Ladesäule (22kW, Typ2) erwartet uns in Lecco. Sie wird freigeschaltet durch einen Voucher-Code, den wir nach Bezahlung von einem netten Herrn in einer Firma nebenan erhalten. In der eCharge App von RWE lässt sich der Code eingeben und der Ladevorgang startet. Sehr komplizierter Vorgang, aber es funktioniert. Die Ladeweile wird mit Einkaufen im nahegelegenen Supermarkt, mit Stöbern im Mediamarkt nebenan und mit Pizzaessen vertrieben. Mit Typ2 Schnarchladern wollen wir uns aber natürlich nicht durch Italien hangeln. Also entschließen wir uns, in einem enelX Servicebüro in Como Hilfe zu holen um die Registrierung in der App abzuschließen.

enelX Service

Am nächsten Tag geht es nach Como zum enelX Servicebüro. Nummer ziehen, warten. Nach 20min werden wir aufgerufen und landen bei einer engagierten jungen Dame die sich unseres Falles annimmt. Es bedarf schon einiger Worte und Gesten, um ihr unser Problem nahe zu bringen. Die Servicenummer die sie uns aushändigt, bringt uns zu einer deutschsprachigen Privatperson in der Türkei, hilft uns aber nicht weiter bei der Registrierung.

Schließlich gelingt es der Dame, nun sichtbar selbst genervt von ihren Kollegen in der Hotline, eine kompetente Ansprechperson zu erreichen. Nach wenigen Minuten kommt die erlösende Nachricht: Alles OK, sie sind nun registriert.

Die erste enelX Säule

Die erste enelX CCS-Säule die wir ansteuern steht einige Kilometer von der Autobahn entfernt, auf einem Grünstreifen mitten in einem Industriegebiet. Nicht ein Mensch weit und breit zu sehen. Bei dem Versuch den Ladevorgang über die App zu starten erfahre ich, dass ich erst meine Zahlungsdaten angebe und ein Profil anlegen muss. Danach tut sich aber trotzdem nichts. Die Säule lädt nicht. Glücklicherweise sind wir auf die Ladung nicht angewiesen und steuern die nächste enelX Säule an. Der Grund warum die Säule nicht gestartet ist, vermute ich in einem Anwenderfehler meinerseits (siehe Tipp).

Tipp: Bei Ankunft an der Ladesäule zuerst die Säule per App freischalten. Dann erfolgt eine Meldung in der App, das der Ladevorgang gestartet werden kann. Dann erst das Ladekabel mit dem Auto verbinden. Bei allen weiteren Ladevorgängen haben wir diese Reihenfolge eingehalten und hatten so auch nie wieder Probleme.

Laden in der Unterkunft

Sowohl am Comer See als auch in der Toskana hatten wir die Möglichkeit, über Nacht per Schuko vollzuladen. Hier hat ein 25m Verlängerungskabel gute Dienste geleistet. Zur Sicherheit habe ich die Ladegeschwindigkeit am Ladeziegel auf die Stellung „L“ heruntergeregelt, um die Strominstallation der Unterkunft nicht zu überfordern. Ein Steckeradapter war hierfür nicht notwendig, obwohl ich diesen vorher noch besorgt habe. Am Abend angesteckt war das Auto am nächsten Morgen wieder 100% voll.

Laden mit Schuko bei den Unterkünften in Bellagio und in der Toskana über Nacht
Laden mit Schuko bei den Unterkünften in Bellagio und in der Toskana über Nacht

 

Ladesäulen am Comer See
Ladesäulen am Comer See

Das Laden in der Unterkunft war zumindest in unserem Fall auch erforderlich, da die Versorgung von Schnellladern oder wenigstens Typ2 Ladern in der Region Comer See miserabel ist. Der einzige Schnelllader in Gera Lario (oben rechts in der Karte) war außer Funktion. Der blaue Marker im Zentrum der Karte kennzeichnet unsere Unterkunft.

TIPP: Das recht günstige Hotel Mirabeau bietet einen fantastischen Ausblick auf Mandello del Lario und den Comer See und kann mit einer sehr leckeren Pizza punkten. Für ein paar Tage oder als Durchreisestation eine gute Wahl. Für längere Aufenthalte sind die Zimmer recht klein und durch die Lage direkt an den Serpentinen auch etwas laut. Strom für das Laden stellt der Eigentümer gratis zur Verfügung (Schuko, Verlängerungskabel notwendig).

Laden an touristischen Hotspots

An den touristischen Hotspots in der Toskana findet man Typ2 Ladesäulen in bester Lage. In unserem Fall war lediglich eine Säule von einem Verbrenner zugeparkt (Volterra). Glücklicherweise wurde der Parkplatz daneben gerade frei und wir konnten mit Hilfe des 7.5m langen Ladekabels die Strecke überbrücken. Andere private eAutos habe ich während des gesamten Urlaubs nicht gesehen.  Nicht eines. Alle Säulen sind auch mit eindeutigen Parkverbotsschildern versehen und bieten den Parkwächtern (die es dort in großer Anzahl gibt) eine handhabe, dagegen vorzugehen. In Punkto Beschilderung sind die Italiener somit den Deutschen voraus.

Zugeparkte Ladesäule in Volterra
Zugeparkte Ladesäule in Volterra

Achten sollte man allerdings darauf, dass man überhaupt eine Berechtigung hat, den Parkplatz mit der Ladesäule zu nutzen. So ist es uns in Siena hier entgangen, das der Parkplatz den wir uns ausgeguckt haben nur für Anwohner mit entsprechender Berechtigung benutzt werden darf. Warum man ausgerechnet auf einem solchen Parkplatz drei Ladesäulen aufstellt, entzieht sich meinem Vorstellungsvermögen. Resultat ist Strafticket was mit 121€ geahndet wird.

Parkgebühren werden an Ladesäulen nicht fällig, so jedenfalls die Aussage einer Politesse. So richtig vertraut haben wir diesem Tipp aber nach den Erfahrungen in Siena nicht und trotzdem ein Parkticket gezogen. Dieses lag meist im Rahmen von wenigen Euros pro 4-5 Stunden Parkzeit.

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Das Relief

Uns als Nordlichtern ist der Einfluß des Reliefs auf die Restreichweite bisher eher unterschwellig bewusst gewesen. Wenn man aber in den Bergen unterwegs ist, hat Beschaffenheit des Terrains eine zum Teil erhebliche Auswirkung auf die Routenplanung. Dies kann positive als auch negative Überraschungen mit sich bringen. So haben wir bei einer Etappe bei nahezu vollem Akku und 230km Restreichweite zunächst einen Ladestopp nach 180km eingeplant, ohne daran zu denken, auf welcher Höhe wir uns befinden. Nach 30 gefahrenen Kilometern bergab liegt die angezeigte Restreichweite bei 240km, die angestrebte Ladesäule nur noch 150km entfernt.

Stromverbrauch im Gebirge - bergauf, bergab
Stromverbrauch im Gebirge

Umgekehrt kann es dann allerdings bergauf auch mal knapper werden als man sich dies ausgerechnet hat. Bergab ist es ein schönes Gefühl, wenn die Restreichweitenanzeige stetig steigt und als Verbrauch die „0,0 kWh/100km“ im Display zu sehen ist.

Kosten

Die Ladevorgänge an enelx Ladesäulen in Italien werden fairerweise nach geladenen kWh abgerechnet. Die kWh wird dort meist mit 0.50€ berechnet, egal ob an Typ2 oder CCS Schnelllader geladen wird. Pro Ladung waren so 3-10€ fällig.Das Preisniveau ist somit deutlich höher als vergleichsweise bei Maingau Ladevorgängen in Deutschland oder der Schweiz. Die Kosten für den Strom, den wir auf den 3758 Kilometern insgesamt geladen haben, belaufen sich auf 62.49€. Das sind 1.66€ pro 100km.

Fazit

Wenn man touristisch in Italien mit dem Elektroauto unterwegs ist, wird man nur einmal auf eine harte Probe gestellt: Nämlich bei der Registrierung in der enelX – App. Hat man diese Hürde genommen, funktioniert es eigentlich recht gut. Mittlerweile gibt es eine neue Version dieser App, die u.a. genau diesen Registrierungsprozess verbessern soll. Austesten will ich das aber nicht.

Die Typ2 Ladung erachte ich an den touristischen Hotspots als völlig ausreichend und komfortabel, da die Zeit zum Erkunden der Orte meist mehrere Stunden beträgt und die Ladung somit meist schneller fertig ist als man wieder am Auto ist.

Abgesehen von der Registrierung funktioniert die App auch richtig gut, man sieht einfach und übersichtlich wann man wo und wieviel geladen hat und bekommt auch eine Echtzeitanzeige des aktuellen Ladefortschritts.

In der Toskana ist die Versorgung mit DC-Schnellladern > 30kW sehr schlecht. Auch Typ2 Ladesäulen sind, abseits der touristischen Hotspots, nur vereinzelt anzutreffen. Dies macht schon eine gewisse Routenplanung notwendig. Zu keiner Zeit aber sind wir von der Akkukapazität eingeschränkt worden, oder konnten irgendwelche Ziele, die wir ansteuern wollten, nicht anfahren. Die 2-3 Ladungen über Nacht per Schuko waren allerdings dafür auch sehr hilfreich. Mit dem Verbrenner hätten wir die gleichen Strecken gemacht. Wir haben uns zu keiner Zeit irgendwie beeinträchtigt gefühlt, trotz mäßiger Ladeinfrastruktur; zu keiner Zeit irgendwelche Abstriche gemacht bezüglich Komfort oder Reiseziel.

 

 

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